Future of Work
Verliere ich durch KI meinen Job? Werde ich künftig von Algorithmen kontrolliert? Und was passiert, wenn wir Maschinen immer mehr Denkarbeit überlassen? Rund um die Future of Work kursieren viele Fragen, die Antworten verdienen. Denn KI wird unseren Arbeitsalltag nicht nur bequemer machen. Sie kann Stellen überflüssig machen, den Leistungsdruck erhöhen und Menschen zurücklassen, die keinen Zugang zu Weiterbildung erhalten. Gleichzeitig eröffnet sie neue Möglichkeiten, tiefer in Themen einzusteigen und lästige Routinen abzugeben. Entscheidend ist deshalb nicht, ob der Wandel kommt, sondern wie wir mit ihm umgehen.
Artikel vom 21. August 2026
Future of Work: Beginnen wir mit einem Beispiel aus der Praxis
Eine KI erledigt die Arbeit von 700 Vollzeitkräften. Mit dieser Nachricht sorgte der schwedische Zahlungsdienstleister Klarna Anfang 2024 für Aufsehen. Der neu eingeführte KI-Assistent bearbeitete nach Unternehmensangaben bereits im ersten Monat zwei Drittel aller Kundenanfragen. Wichtig dabei: Klarna entließ nicht einfach 700 Menschen und ersetzte sie durch einen Chatbot. Das Unternehmen gab an, die bearbeiteten Aufgaben entsprächen der Arbeit von rund 700 Vollzeitbeschäftigten.
Gut ein Jahr später klang Klarna-Chef Sebastian Siemiatkowski zerknirscht. Bei der Neuausrichtung des Kundenservice habe man zu stark auf die Kosten geschaut. Darunter habe die Qualität gelitten. Kundinnen und Kunden sollten deshalb wieder leichter einen Menschen erreichen können.
Ist damit bewiesen, dass KI Beschäftigte doch nicht ersetzen kann? So einfach ist es nicht. Klarna hat seine KI nicht wieder abgeschafft. Das Unternehmen suchte vielmehr nach einer neuen Aufgabenteilung: Standardanfragen übernimmt weiterhin die Technik, bei komplizierten Anliegen kommen Menschen ins Spiel.
Der Fall zeigt, wie widersprüchlich die Debatte über die Zukunft der Arbeit ist. Dieser Artikel gibt deshalb keine pauschale Entwarnung. KI wird Tätigkeiten verändern, Arbeitsplätze kosten und neue Anforderungen schaffen. Sie kann Menschen aber auch entlasten und ihnen ermöglichen, sich auf anspruchsvollere Aufgaben zu konzentrieren. Lassen Sie uns also einsteigen in das Thema „Future of Work“.
Was bedeutet Future of Work?
Der Begriff „Future of Work“ beschreibt grundsätzlich, wie technologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen unsere Arbeitswelt und -weisen verändern. Dazu gehören neue Arbeitsmodelle, der demografische Wandel, der Fachkräftemangel und die wachsende Bedeutung kontinuierlicher Weiterbildung. Einer der derzeit sichtbarsten Treiber für den Change ist Künstliche Intelligenz.
Generative KI kann Texte verfassen, Programmcode erstellen, Daten auswerten und Informationen zusammenfassen. Sie greift damit in Tätigkeiten ein, die bisher als typisch menschliche Wissensarbeit galten. Was bedeutet das? Verschwinden damit komplette Berufe über Nacht? Nein, definitiv nicht. Nehmen wir zum Beispiel eine Personalreferentin – Sie führt Gespräche, koordiniert Termine, bewertet Unterlagen und berät Führungskräfte. Ein Kundenberater beantwortet derweil Standardfragen, löst Sonderfälle und beruhigt verärgerte Kunden. Einige dieser Aufgaben lassen sich automatisieren, andere unterstützen – und manche gar nicht an eine KI übertragen.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: Welche Berufe kann KI ersetzen? Wichtiger ist, wie sich die Aufgaben innerhalb eines Berufs verschieben – und welche Arbeit für Menschen übrigbleibt.
Warum uns KI in der Arbeitswelt Angst macht
Veränderungen bedeuten Unsicherheit. Bei KI fällt diese besonders groß aus, weil sich die Systeme schnell entwickeln und selbst Fachleute ihre langfristigen Fähigkeiten unterschiedlich einschätzen. Dass dies Ängste auslöst, ist nachvollziehbar. In einer Bitkom-Befragung aus dem Jahr 2025 befürchteten 22 Prozent der Erwerbstätigen, KI könne zum Verlust von Arbeitsplätzen führen. 29 Prozent sorgten sich, sich zu stark auf die Technologie zu verlassen und dadurch eigene Kompetenzen einzubüßen.
Die Angst vor KI ist deshalb nicht automatisch Technikfeindlichkeit. Sie kann eine vernünftige Reaktion auf einen Wandel sein, dessen Folgen für den einzelnen von uns überhaupt noch nicht absehbar sind. Und aller Wahrscheinlichkeit nach ist jeder in völlig unterschiedlichem Maße betroffen. Unternehmen sollten solche Sorgen nicht mit dem Hinweis abtun, KI sei „nur ein Werkzeug“. Ihr Einsatz kann darüber entscheiden, wie viele Beschäftigte benötigt, welche Leistungen erwartet und wie Menschen kontrolliert werden.
Eine grundsätzliche Ablehnung schützt allerdings ebenfalls nicht vor Veränderungen. Auch wer keine KI nutzt, kann erleben, wie sie den eigenen Beruf oder die gesamte Branche verändert.
Wird KI uns die Jobs wegnehmen?
Die ehrliche Antwort lautet: Bestimmte Arbeitsplätze werden wegfallen. Daraus folgt jedoch nicht, dass uns insgesamt die Arbeit ausgeht.
Die Internationale Arbeitsorganisation geht davon aus, dass etwa jeder vierte Arbeitsplatz weltweit durch generative KI verändert werden könnte. Eine Veränderung der Tätigkeiten sei dabei wahrscheinlicher als die vollständige Automatisierung eines Berufs. Auch für Deutschland ergibt sich ein differenziertes Bild. Nach einer Szenarioanalyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung könnte die Zahl der Arbeitsplätze nach 15 Jahren insgesamt ungefähr auf dem Niveau liegen, das ohne verstärkten KI-Einsatz zu erwarten wäre. Gleichzeitig wären rund 1,6 Millionen Arbeitsplätze vom Auf- oder Abbau betroffen.
Hinter einer ausgeglichenen Gesamtzahl können sich somit schmerzhafte Brüche verbergen. Ein neu entstehender Job in der IT hilft einer Person, deren bisherige Stelle automatisiert wurde, nur dann, wenn eine realistische berufliche Brücke besteht. Qualifikation, Wohnort, Alter und Einkommen beeinflussen, ob der Übergang gelingt.
Besonders gut automatisierbar sind digitale Aufgaben, die häufig anfallen und nach ähnlichen Mustern bearbeitet werden. Schwieriger wird es, wenn körperliche Arbeit, persönliche Beziehungen, wechselnde Situationen oder Verantwortung gefragt sind. Allerdings kann bereits die Automatisierung einzelner Aufgaben dazu führen, dass Unternehmen für dasselbe Arbeitsvolumen weniger Personal benötigen.
Macht KI uns denkfaul?
Auch diese Sorge lässt sich weder einfach bestätigen noch zurückweisen. KI kann Denkarbeit verkürzen – oder dabei helfen, tiefer in ein Thema einzusteigen.
Problematisch wird es, wenn Beschäftigte die erste plausible Antwort übernehmen, ohne sie zu prüfen. Generative KI formuliert überzeugend, auch wenn Informationen falsch oder frei erfunden sind. Wer wenig über ein Thema weiß, kann solche Fehler besonders schwer erkennen. Eine Untersuchung von Microsoft Research unter 319 Wissensarbeitenden zeigt diese Spannung. Ein größeres Vertrauen in die KI hing mit weniger kritischem Denkaufwand zusammen. Beschäftigte, die stärker auf ihre eigenen Fähigkeiten vertrauten, investierten dagegen mehr Aufwand in die Prüfung der Ergebnisse.
Gleichzeitig kann sich das Denken verlagern: Die KI übernimmt einen ersten Entwurf, während der Mensch Ziele formuliert, Antworten einordnet und Fehler erkennt. Power User lassen sich Gegenargumente nennen, vergleichen Szenarien oder verfolgen neue Fragen, für deren Recherche zuvor die Zeit fehlte. Dafür bleibt Fachwissen unverzichtbar. Je leichter sich Antworten erzeugen lassen, desto wichtiger wird die Fähigkeit, ihre Qualität zu beurteilen. Wer nur weiß, wie man eine KI bedient, aber nicht versteht, worüber sie spricht, bleibt von ihren Ergebnissen abhängig.
Welche unangenehmen Veränderungen könnten auf uns zukommen?
Die Zukunft der Arbeit besteht nicht nur aus mehr Kreativität und weniger Routine. Einige Entwicklungen dürften vielen Beschäftigten deutlich weniger gefallen – manche werfen schon jetzt ihre Schatten voraus.
#1 Berufseinstiege könnten schwieriger werden
Zu klassischen Einstiegsaufgaben gehören Recherche, Dokumentation, Datenaufbereitung oder erste Entwürfe. Genau diese Tätigkeiten eignen sich häufig für KI. Werden sie automatisiert, benötigen Unternehmen möglicherweise weniger Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger. Damit entsteht ein langfristiges Problem: An einfachen Aufgaben sammeln Menschen Erfahrungen, bevor sie komplexere Verantwortung übernehmen. Unternehmen müssen deshalb neue Lernwege schaffen. Andernfalls sparen sie heute bei Juniorstellen und stellen später fest, dass ihnen erfahrene Fachkräfte fehlen.
#2 Mehr Leistung statt mehr Freiraum
Wenn ein Bericht dank KI in einer statt in zwei Stunden entsteht, bedeutet das nicht automatisch einen ruhigeren Arbeitstag. Vielleicht sollen Beschäftigte künftig einfach mehr Berichte bearbeiten. Aus Entlastung kann Arbeitsverdichtung werden. Unternehmen müssen deshalb offen erklären, wofür sie Produktivitätsgewinne verwenden. Gewonnene Zeit kann in Wachstum fließen – aber auch in bessere Qualität, Weiterbildung oder mehr persönlichen Kundenkontakt.
#3 Beschäftigte könnten stärker überwacht werden
KI kann Arbeit nicht nur erledigen, sondern auch verteilen und bewerten. Systeme können Bearbeitungszeiten, Arbeitstempo, Zielerreichung oder Kommunikation analysieren. Eine OECD-Untersuchung zum algorithmischen Management zeigt, wie verbreitet digitale Steuerung bereits ist. In Deutschland gaben 78 Prozent der befragten Führungskräfte an, dass ihr Unternehmen mindestens ein Werkzeug zur Steuerung, Überwachung oder Bewertung von Arbeit verwendet. Nicht alle diese Systeme arbeiten mit KI. Sie zeigen aber eine mögliche Richtung.
Beschäftigte müssen deshalb wissen, welche Daten erhoben werden und wie sie in Entscheidungen einfließen. Außerdem brauchen sie die Möglichkeit, automatisierte Bewertungen von einem Menschen überprüfen zu lassen.
#4 Eine neue Kluft kann entstehen
Menschen mit Fachwissen, guten Tools und Lernzeit können ihre Möglichkeiten durch KI erheblich erweitern. Andere erhalten keinen sicheren Zugang oder sollen sich den Umgang nebenbei selbst beibringen. Laut Bitkom berichteten 70 Prozent der befragten Erwerbstätigen, dass ihr Unternehmen keine KI-Fortbildungen anbietet. So droht eine Trennlinie zwischen Beschäftigten, die KI sinnvoll einsetzen und kontrollieren können, und Menschen, denen der Zugang zu dieser Kompetenz fehlt.
Welche Fähigkeiten werden künftig wichtig?
Laut des Future of Jobs Reports 2025 erwarten Arbeitgeber, dass sich bis 2030 knapp 40 Prozent der benötigten Fähigkeiten verändern. Gefragt sind sowohl technologische als auch menschliche Kompetenzen. Beschäftigte sollten verstehen, für welche Aufgaben sich KI eignet, wie sie relevante Informationen bereitstellen und wo die Grenzen eines Systems liegen. Dazu gehören auch Datenschutz und der sichere Umgang mit vertraulichen Informationen.
Ebenso wichtig bleiben Fachwissen und kritisches Denken. KI-Ergebnisse müssen geprüft, Quellen eingeordnet und mögliche Folgen abgeschätzt werden. Wenn Standardkommunikation automatisiert wird, gewinnen außerdem Fähigkeiten wie Zuhören, Konfliktlösung und Verantwortungsübernahme an Wert. Hinzu kommt Lernfähigkeit. Dabei geht es nicht darum, jedem neuen Tool hinterherzulaufen. Entscheidend ist, Entwicklungen einordnen und passende Anwendungen für die eigene Arbeit ausprobieren zu können.
Wie können sich Beschäftigte und Unternehmen vorbereiten?
Beschäftigte können zunächst ihre eigenen Aufgaben untersuchen: Welche Tätigkeiten wiederholen sich? Wo kostet Recherche viel Zeit? Und bei welchen Aufgaben sind Erfahrung, Beziehungen oder Verantwortung entscheidend? Dadurch wird erkennbar, wo KI unterstützen könnte und welche Fähigkeiten künftig wichtiger werden.
Sinnvoll ist ein Einstieg mit überschaubaren, wenig riskanten Anwendungen. Eine KI kann beispielsweise eine eigene E-Mail kürzen oder ein nicht vertrauliches Dokument zusammenfassen. Das Ergebnis sollte anschließend mit der eigenen Lösung verglichen werden. So entsteht praktische Erfahrung, ohne die Verantwortung an das Tool abzugeben.
Unternehmen sollten ebenfalls nicht mit der Auswahl einer Software beginnen, sondern mit einem konkreten Problem. Gemeinsam mit den Beschäftigten können sie prüfen, wo Zeit verloren geht, Fehler entstehen oder Aufgaben unnötig kompliziert sind. Dazu gehören sichere Zugänge und klare Regeln. Fehlen geeignete Unternehmenslösungen, nutzen Mitarbeitende möglicherweise private Konten und geben dort unbemerkt vertrauliche Informationen ein. Regeln sollten daher nicht nur Verbote enthalten, sondern erklären, welche Anwendungen für welche Zwecke zulässig sind.
Weiterbildungen müssen zur jeweiligen Rolle passen und während der Arbeitszeit stattfinden. Eine Sachbearbeiterin benötigt andere Kenntnisse als ein Entwickler oder eine Führungskraft. Wenn einfache Einstiegsaufgaben wegfallen, müssen Unternehmen zudem neue Karriere- und Lernwege schaffen.
Welche Geschäftsmodelle entstehen durch KI?
KI ermöglicht Leistungen, die bisher zu teuer oder aufwendig waren. Unternehmen können Angebote stärker personalisieren, große Datenmengen schneller auswerten und mit kleineren Teams umfangreichere Projekte umsetzen. Dadurch entstehen Chancen für neue Anbieter – aber auch zusätzlicher Druck auf etablierte Unternehmen. Gleichzeitig dürften hybride Geschäftsmodelle zunehmen. Die KI bearbeitet Standardfälle, Menschen kümmern sich um Ausnahmen, Beratung und sensible Situationen. Persönlicher Kontakt könnte dadurch allerdings teilweise zur Premiumleistung werden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht überall „Mensch oder KI?“, sondern: Wo schafft Automatisierung einen echten Vorteil – und an welcher Stelle entsteht der Wert gerade durch einen Menschen?
Future of Work: Die Zukunft ist nicht vorgegeben
Es wird Arbeitsplätze geben, die verschwinden. Manche Berufseinstiege werden schwieriger, der Leistungsdruck kann steigen und nicht jeder berufliche Übergang wird gelingen. Diese Risiken dürfen nicht hinter großen Produktivitätsversprechen verschwinden. Trotzdem ist der Wandel nicht vollständig vorgegeben. Unternehmen entscheiden, welche Tätigkeiten sie automatisieren, wie sie Beschäftigte beteiligen und ob sie in Weiterbildung investieren. Beschäftigte können lernen, KI kritisch einzusetzen und ihre Fachkenntnisse gezielt auszubauen.
Sich mit KI zu beschäftigen, garantiert keinen sicheren Arbeitsplatz. Es schafft aber Orientierung in einer Arbeitswelt, die sich ohnehin verändern wird. Aus einer diffusen Bedrohung werden dadurch konkrete Fragen – und damit Entscheidungen, die wir zumindest teilweise beeinflussen können.